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Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann
Eigenschaften der Chat-Kommunikation |
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Dass die IRC-Kommunikation soziologisch und nicht zuletzt linguistisch
interessant ist, steht außer Frage. Aber welche Motivation ist eigentlich
ausschlaggebend dafür, sich regelmäßig an dieser neuen Kommunikationsform zu
beteiligen? Lassen wir zur Beantwortung dieser Frage eine erfahrene Chatterin zu
Wort kommen – JOYmagic formuliert in ihrem "Beipackzettel zum Chat"
Anwendungsgebiete Aus dieser Beschreibung und auch aus der Literatur lassen sich zwei grobe Ziele herauslesen, die von der Teilnahme an einem Chat erwartet werden:
Besonders der erste Punkt lässt Chat immer wieder zur Zielscheibe der Kritik werden. So bezeichnet etwa Hess-Lüttich computervermittelte Kommunikation im Allgemeinen pauschal als "Schrumpf-Gespräche" und konstatiert: "Message" plus "fun": Spaß machen soll es möglichst auch, das
sprachliche Spiel im herrschaftsfreien Raum zwischen den Normen des Redens und
des Schreibens. Eine Form der Kommunikation, die Spaß macht (und noch dazu nicht so recht
eindeutig in die Dichotomie
mündlich vs.
schriftlich einzuordnen ist), scheint diesem Autor ein wenig suspekt zu
sein. Das muss auch so sein, wenn man davon ausgeht (wie es bei Hess-Lüttich und
auch in einigen anderen kritischen Publikationen der Fall zu sein scheint), dass
Kommunizieren eine zielgerichtete, ernsthafte Beschäftigung ist, deren Zweck die
möglichst effiziente und störungsfreie Übermittlung von Informationen ist. In
diesem Sinne liefert Schulze (1999: 80)
Genau wie bei jedem Hobby kann man auch die Rahmenbedingungen des Chats nutzen, um etwas 'Sinnvolles' zu erreichen – so wie ein Hobbybastler einen Toaster reparieren oder ein Briefmarkensammler seine Kollektion als Geldanlage betrachten kann, kann man im Chat natürlich auch Informationen austauschen. Virtuelle Lehrveranstaltungen von Fernuniversitäten oder Drogenberatung via Chat sind Beispiele dafür. Um die betreffende Tätigkeit aber freiwillig und regelmäßig auszuführen, bedarf es einer anderen Motivation als derer der Nützlichkeit – der Sammler freut sich über eine seltene Marke, der Bastler über einen genial ausgeklügelten Schaltplan und der Chatter über eine Unterhaltung mit einem besonders originellen oder sympathischen Gesprächspartner. Unter dieser Prämisse mangelnde Ernsthaftigkeit in der Chatkommunikation zu bemängeln ist in etwa so, als kritisierte man, dass nicht alle Bücher so viel Information enthalten wie das Telefonbuch (und die meisten sogar völlig ohne jeden praktischen Nutzen sind). Der zweite Punkt – Aufbau und Aufrechterhaltung von Sozialkontakten – wird
von einem Chatter oder einer Chatterin in der Newsgroup alt.irc auf den Punkt
gebracht. Ein Poster namens Michael hatte in dieser Newsgroup eine informelle
Umfrage zu den Ansichten anderer Chatter gestartet und unter anderem auch die
Gretchenfrage gestellt: "Why do you IRC?" Chikas
Dieser Rahmen der freundschaftlichen Unterhaltung
und der Pflege von Sozialkontakten – nach Bays (1998)
sich die Kommunikatoren aufgrund des Gebrauchs konventionalisierter Äußerungen (z.B. Grußformeln), Selbstbeschreibungen (als Aspekte der sozialen Identität) oder Solidarisierungsfloskeln häufig den eigentlichen Sinn ihrer Netzpräsenz vor Augen führen: die Etablierung zwischenmenschlicher Kontakte. und weiter: Diese Art der Kommunikation beinhaltet
Informationsvermittlung nur peripher. Unter diesen Umständen ist es nahe liegend (und bereits des Öfteren erfolgt), Chat-Kommunikation pauschal in die Kategorie 'phatische Kommunikation' einzuordnen. Dies wäre jedoch eine unzulässige Verallgemeinerung. Themen und Atmosphäre der Kommunikation hängen auch in einer heute noch als unkonventionell angesehenen Kommunikationsform wie IRC nicht vom Medium, sondern von den Begleitumständen (dem 'external context'), den beteiligten Personen und den von ihnen geschaffenen Rahmen ab: Auch wenn die Großzahl der Gespräche über IRC unter der
Bezeichnung Small Talk subsumiert werden kann, verfälscht die Gleichsetzung der
IRC-Kommunikation mit beziehungsorientierten Gesprächen den Gegenstandsbereich
völlig. IRC stellt eben nicht einen einzigen, medial bestimmten Gesprächstypen
dar, sondern bezeichnet ein Kommunikationsmedium, das Kommunikation auf bisher
unbekannte Weise ermöglicht und beeinflußt. Dass ein Großteil der über IRC geführten Gespräche nicht inhaltsorientiert
ist, kann und soll aber nicht bestritten werden.
Laut diesem Ansatz können sich Interaktanten also erst dann, wenn der
Kommunikationskanal aufrecht und die Identitäten bzw. sozialen Rollen der
Teilnehmer geklärt sind, mit anderen Gesprächsthemen befassen. Nun kennen
Teilnehmer in Chat-Interaktionen einander oft nicht oder nicht eingehend; in
einem Medium, dem jegliche extralinguistischen Informationen fehlen, ist es
zudem wesentlich weniger leicht möglich, einen Gesprächspartner in einen
Rahmen einzuordnen
Die ständige Thematisierung der sozialen Komponente (bzw., nach Bays (1998)
Eine weitere wichtige Norm der Chat-Kommunikation ist das Prinzip der höchstmöglichen Eingabegeschwindigkeit, die in vielen Publikationen als ausschlaggebender Grundsatz genannt wird: Das Ökonomieprinzip steht in IRC eindeutig als Maxime der
Äußerungsproduktion im Vordergrund. Es ist nur folgerichtig, dass der Faktor Geschwindigkeit in einer
Kommunikationsform, die in (Fast-) Echtzeit abläuft, einen sehr hohen
Stellenwert haben muss. Auch für im Maschinschreiben
Das äußert sich beispielsweise in Kontextualisierungshinweisen, die dem Ökonomieprinzip geradezu gegenläufig sind: dialektale Schreibungen, die mehr Anschläge erfordern als die entsprechende Standardvariante (z.B. wuarscht statt wurst bzw. egal) betonen die regionale Identität des Chattenden und die gemeinsame Gruppenzugehörigkeit. Nicknames erfahren nicht nur liebevolle Verkürzungen (EsCuLaP > esci), sondern auch spielerische Umformungen, die zum Teil erheblich länger sind als das Original: dj wird zu ditschi, JamesBlond zu James der Blonde und blueSultan zu Sultan in blau gehalten. Die Bestätigung des positive face des Adressaten, die die kreative Beschäftigung mit seinem Nickname mit sich bringt (oder auch nur die gemeinsame Freude am Sprachspiel) ist hier offenbar wichtiger als das Prinzip der Ökonomie.
© Alexandra Schepelmann 2002-2003
Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann
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