Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann

Eigenschaften der Chat-Kommunikation

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Dass die IRC-Kommunikation soziologisch und nicht zuletzt linguistisch interessant ist, steht außer Frage. Aber welche Motivation ist eigentlich ausschlaggebend dafür, sich regelmäßig an dieser neuen Kommunikationsform zu beteiligen? Lassen wir zur Beantwortung dieser Frage eine erfahrene Chatterin zu Wort kommen – JOYmagic formuliert in ihrem "Beipackzettel zum Chat" folgende

Anwendungsgebiete
Zur Behandlung von akuter und chronischer Langeweile, Stoerungen im Bereich der Kontaktknuepfung im realen Leben und krankhafter Suche nach Anerkennung oder auch bei pubertaerem und spaetpubertaerem Erkundungsdrang bzgl. des anderen Geschlechts. Gegebenenfalls ist der Chat auch als Psychomuelldepot durchaus geeignet.
"JOYmagic" [Pseudonym] 2002 [keine Paginierung]

Aus dieser Beschreibung und auch aus der Literatur lassen sich zwei grobe Ziele herauslesen, die von der Teilnahme an einem Chat erwartet werden:

  1. Spaß und Unterhaltung (Abwenden von Langeweile)
  2. die Absicht "des Aufbaus und der Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten" (Geers 1999: 97 ) – auch zum anderen Geschlecht.

Besonders der erste Punkt lässt Chat immer wieder zur Zielscheibe der Kritik werden. So bezeichnet etwa Hess-Lüttich computervermittelte Kommunikation im Allgemeinen pauschal als "Schrumpf-Gespräche" und konstatiert:

"Message" plus "fun": Spaß machen soll es möglichst auch, das sprachliche Spiel im herrschaftsfreien Raum zwischen den Normen des Redens und des Schreibens.
Hess-Lüttich 1997: 233

Eine Form der Kommunikation, die Spaß macht (und noch dazu nicht so recht eindeutig in die Dichotomie mündlich vs. schriftlich einzuordnen ist), scheint diesem Autor ein wenig suspekt zu sein. Das muss auch so sein, wenn man davon ausgeht (wie es bei Hess-Lüttich und auch in einigen anderen kritischen Publikationen der Fall zu sein scheint), dass Kommunizieren eine zielgerichtete, ernsthafte Beschäftigung ist, deren Zweck die möglichst effiziente und störungsfreie Übermittlung von Informationen ist. In diesem Sinne liefert Schulze (1999: 80) das entscheidende Gegenargument gegen Hess-Lüttichs Kritik: "[Hess-Lüttich] "leaves open if he really deems fun an outlandish motive for involving in a pastime" – denn genau das ist das Chatten in den allermeisten Fällen: ein Zeitvertreib, ein Hobby.

Genau wie bei jedem Hobby kann man auch die Rahmenbedingungen des Chats nutzen, um etwas 'Sinnvolles' zu erreichen – so wie ein Hobbybastler einen Toaster reparieren oder ein Briefmarkensammler seine Kollektion als Geldanlage betrachten kann, kann man im Chat natürlich auch Informationen austauschen. Virtuelle Lehrveranstaltungen von Fernuniversitäten oder Drogenberatung via Chat sind Beispiele dafür. Um die betreffende Tätigkeit aber freiwillig und regelmäßig auszuführen, bedarf es einer anderen Motivation als derer der Nützlichkeit – der Sammler freut sich über eine seltene Marke, der Bastler über einen genial ausgeklügelten Schaltplan und der Chatter über eine Unterhaltung mit einem besonders originellen oder sympathischen Gesprächspartner. Unter dieser Prämisse mangelnde Ernsthaftigkeit in der Chatkommunikation zu bemängeln ist in etwa so, als kritisierte man, dass nicht alle Bücher so viel Information enthalten wie das Telefonbuch (und die meisten sogar völlig ohne jeden praktischen Nutzen sind).

Der zweite Punkt – Aufbau und Aufrechterhaltung von Sozialkontakten – wird von einem Chatter oder einer Chatterin in der Newsgroup alt.irc auf den Punkt gebracht. Ein Poster namens Michael hatte in dieser Newsgroup eine informelle Umfrage zu den Ansichten anderer Chatter gestartet und unter anderem auch die Gretchenfrage gestellt: "Why do you IRC?" Chikas Antwort: "I get to talk to folks."

Dieser Rahmen der freundschaftlichen Unterhaltung und der Pflege von Sozialkontakten – nach Bays (1998) könnte man vom Rahmen der virtual community sprechen – wird in der IRC-Kommunikation beinahe ständig kontextualisiert. Götzenbrucker und Hummel stellen unter Aufzählung einiger typischer Kontextualisierungshinweise fest, dass

sich die Kommunikatoren aufgrund des Gebrauchs konventionalisierter Äußerungen (z.B. Grußformeln), Selbstbeschreibungen (als Aspekte der sozialen Identität) oder Solidarisierungsfloskeln häufig den eigentlichen Sinn ihrer Netzpräsenz vor Augen führen: die Etablierung zwischenmenschlicher Kontakte.

und weiter:

Diese Art der Kommunikation beinhaltet Informationsvermittlung nur peripher.
Götzenbrucker & Hummel 2001: 213

Unter diesen Umständen ist es nahe liegend (und bereits des Öfteren erfolgt), Chat-Kommunikation pauschal in die Kategorie 'phatische Kommunikation' einzuordnen. Dies wäre jedoch eine unzulässige Verallgemeinerung. Themen und Atmosphäre der Kommunikation hängen auch in einer heute noch als unkonventionell angesehenen Kommunikationsform wie IRC nicht vom Medium, sondern von den Begleitumständen (dem 'external context'), den beteiligten Personen und den von ihnen geschaffenen Rahmen ab:

Auch wenn die Großzahl der Gespräche über IRC unter der Bezeichnung Small Talk subsumiert werden kann, verfälscht die Gleichsetzung der IRC-Kommunikation mit beziehungsorientierten Gesprächen den Gegenstandsbereich völlig. IRC stellt eben nicht einen einzigen, medial bestimmten Gesprächstypen dar, sondern bezeichnet ein Kommunikationsmedium, das Kommunikation auf bisher unbekannte Weise ermöglicht und beeinflußt.
Geers 1999: 97

Dass ein Großteil der über IRC geführten Gespräche nicht inhaltsorientiert ist, kann und soll aber nicht bestritten werden. Die Gründe für diese Tatsache sind sicherlich komplexer soziologischer und psychologischer Natur; obwohl sie im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht detaillierter untersucht werden können, soll doch zumindest ein möglicher Erklärungsansatz aus dem linguistischen Bereich angeführt werden. In seinem Werk zum Thema Mediated Discourse as social interaction entwickelt Scollon (1998: 19) in Anlehnung an die Griceschen conversational maxims (Grice 1975 ) drei aufeinander aufbauende maxims of stance für vermittelte Kommunikation:

  1. Attend to the channel.

  2. When the channel is established, attend to the relationships and identities.

  3. When identities are established, attend to topics.

Laut diesem Ansatz können sich Interaktanten also erst dann, wenn der Kommunikationskanal aufrecht und die Identitäten bzw. sozialen Rollen der Teilnehmer geklärt sind, mit anderen Gesprächsthemen befassen. Nun kennen Teilnehmer in Chat-Interaktionen einander oft nicht oder nicht eingehend; in einem Medium, dem jegliche extralinguistischen Informationen fehlen, ist es zudem wesentlich weniger leicht möglich, einen Gesprächspartner in einen Rahmen einzuordnen . Unter diesen Voraussetzungen erlaubt Scollons Modell die Annahme, dass der Mangel an inhaltsorientierten Gesprächen in IRC darauf zurückzuführen ist, dass die Teilnehmer sich in Stufe zwei seiner Maximenprogression befinden. Vielleicht sind eben in vielen Fällen die "identities" noch nicht ausreichend "established", um zu Stufe drei fortschreiten zu können? Allerdings ist es sicherlich auch möglich, freiwillig in Stufe zwei zu verharren, um personenbezogene Rahmungen zu klären, Identitäten auszuhandeln und Beziehungen zu vertiefen.

Die ständige Thematisierung der sozialen Komponente (bzw., nach Bays (1998) , der Rahmen der virtual community, den die Teilnehmer als organisierendes Prinzip angenommen haben) führt jedenfalls in den meisten Chats zu einer Atmosphäre von Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität (selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen). Wellman (2001: Part Three, section II.B) spricht von einer "norm of inclusionary mutual supportiveness", die in 'virtuellen Gemeinschaften' vorherrscht. Auch diese Norm wird häufig thematisiert und als Interpretationshintergrund kontextualisiert – so etwa durch ausführliche Grußsequenzen, strategischen Gebrauch von Emoticons und verschiedene Ingroup-Marker – und kann als wichtigste Norm der Chat-Kommunikation überhaupt angesehen werden.

Eine weitere wichtige Norm der Chat-Kommunikation ist das Prinzip der höchstmöglichen Eingabegeschwindigkeit, die in vielen Publikationen als ausschlaggebender Grundsatz genannt wird:

Das Ökonomieprinzip steht in IRC eindeutig als Maxime der Äußerungsproduktion im Vordergrund.
Geers 1999: 87

Es ist nur folgerichtig, dass der Faktor Geschwindigkeit in einer Kommunikationsform, die in (Fast-) Echtzeit abläuft, einen sehr hohen Stellenwert haben muss. Auch für im Maschinschreiben Geübte ist es praktisch unmöglich, eine Tippgeschwindigkeit zu erreichen, die einer natürlichen Sprechgeschwindigkeit nahe kommt; tippt man in IRC zu langsam, lässt man nicht nur seine(n) Gesprächspartner warten, sondern riskiert insbesondere in vielbesuchten Channels, dass der eigene Beitrag zum Zeitpunkt der Fertigstellung schon längst unaktuell ist, weil andere Interaktanten mittlerweile ganz andere Themen aufgebracht haben. So spielt die Produktionsgeschwindigkeit auch eine entsprechend bedeutende Rolle im vorliegenden Material, was etwa in zahlreichen Abkürzungen, dem Weglassen von Großschreibung und Satzzeichen und anderen in der Literatur beschriebenen Phänomenen führt. An kritischen Stellen jedoch wird nicht gespart – nämlich dort, wo sonst das Prinzip der Solidarität kompromittiert würde.

Das äußert sich beispielsweise in Kontextualisierungshinweisen, die dem Ökonomieprinzip geradezu gegenläufig sind: dialektale Schreibungen, die mehr Anschläge erfordern als die entsprechende Standardvariante (z.B. wuarscht statt wurst bzw. egal) betonen die regionale Identität des Chattenden und die gemeinsame Gruppenzugehörigkeit. Nicknames erfahren nicht nur liebevolle Verkürzungen (EsCuLaP > esci), sondern auch spielerische Umformungen, die zum Teil erheblich länger sind als das Original: dj wird zu ditschi, JamesBlond zu James der Blonde und blueSultan zu Sultan in blau gehalten. Die Bestätigung des positive face des Adressaten, die die kreative Beschäftigung mit seinem Nickname mit sich bringt (oder auch nur die gemeinsame Freude am Sprachspiel) ist hier offenbar wichtiger als das Prinzip der Ökonomie.


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© Alexandra Schepelmann 2002-2003

Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann