|
Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann
Einleitung |
Fragestellung und Ziel der UntersuchungDer Ausgangspunkt zur vorliegenden Untersuchung ergab sich aus meinem grundsätzlichen Interesse für die Chat-Kommunikation und ihre linguistischen Eigenheiten. Diese medial schriftliche Kommunikationsform integriert in vielerlei Hinsicht Aspekte der mündlichen Kommunikation; der Frage, wie Chat im Hinblick auf schriftliche und mündliche Kommunikation einzuordnen ist, ist ein Abschnitt der vorliegenden Arbeit gewidmet. Aus diesem Grund erscheint es besonders interessant und lohnend, ein ursprünglich für Face-to-Face-Interaktion entwickeltes Modell wie das von Gumperz eingeführte Konzept der Kontextualisierung als Interpretationsfolie einzusetzen. Die zentrale Forschungsfrage ist also: "Können auch in der medial schriftlichen Kommunikationsform IRC Phänomene identifiziert werden, die als Kontextualisierungshinweise bezeichnet werden können?" Die Vorgangsweise, die gewählt wurde, um diese Frage zu beantworten, wird im entsprechenden Abschnitt vorgestellt. InhaltDie Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile: Der Abschnitt Grundlagen behandelt grundlegende Informationen über das Kommunikationsmedium selbst; der Abschnitt Theoretischer Hintergrund bietet eine Einführung in die wichtigsten Aspekte der der vorliegenden Arbeit zugrunde liegenden Kontextualisierungstheorie nach Gumperz und dem Rahmen-Begriff nach Goffman. In der Sektion Empirie schließlich findet sich der wichtigste Teil der Arbeit: Informationen zur Untersuchung und ihre Ergebnisse. GrundlagenUm mögliche Formen und Wirkungsweise von Kontextualisierungshinweisen in der Kommunikationsform des Internet Relay Chat verstehen zu können, bedarf es zunächst einiger Hintergrundinformationen. Im Abschnitt Das Internet werden Geschichte und Ausprägungsformen des internationalen Datennetzes behandelt. Die Formen der computervermittelten Kommunikation werden im entsprechend betitelten Abschnitt ebenfalls erläutert und ein kurzer Überblick über den Stand der linguistischen Forschung gegeben. Mit dem Kapitel Was ist IRC? sind wir bereits beim eigentlichen Untersuchungsgegenstand angelangt: hier finden sich Informationen über diese Form der synchronen computervermittelten Kommunikation und ihre Eigenheiten sowie zu anderen, ähnlich ausgerichteten Systemen wie Webchats und Instant Messaging-Dienste. Im Abschnitt IRC zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit schließlich werden einige grundlegende Überlegungen über die Frage angestellt, wie diese medial schriftliche Interaktionsform, die allerdings auch viele Merkmale mündlicher Kommunikation trägt, einzuordnen ist. Theoretischer HintergrundDer theoretische Hintergrund zur vorliegenden Arbeit ist die Kontextualisierungstheorie nach John J. Gumperz sowie in weiterem Sinne das Rahmenkonzept nach Bateson und Goffman. Im zweiten Hauptteil wird diese Theorie vorgestellt und auch auf ihre Anwendungsmöglichkeiten auf schriftlich vermittelte Kommunikation eingegangen. Unter Kontext und Kontextualisierung findet sich einerseits eine Problembehandlung über den in der wissenschaftlichen Diskussion teilweise sehr unterschiedlich gebrauchten Begriff 'Kontext', andererseits eine Einführung in das gedankliche Gebäude der Kontextualisierungstheorie. Hierzu gehört auch eine kurze Biographie ihres geistigen Vaters John J. Gumperz, die Behandlung des Kontextbegriffs in dieser Forschungsrichtung, eine Erläuterung des Schlüsselbegriffs Kommunikative Inferenz sowie der Konzepte 'speech event' und 'speech activity'. Als Grundlage und konzeptuelle Vorbedingung für die Kontextualisierungstheorie ist das Konzept der Frames bzw. Rahmen von elementarer Bedeutung. Der Abschnitt Erwartungsstrukturen bietet eine Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Ansätze, die sich mit diesem Gedanken beschäftigt haben. Unter der Überschrift Der Ansatz von Bateson und Goffman finden sich zunächst kurze Biographien von Gregory Bateson, dem Erfinder des Frame-Begriffs, und Erving Goffman, der das Konzept detailliert ausgearbeitet hat. Eine Darstellung dieses Konzepts findet sich in den Kapiteln Rahmen, Primäre Rahmen sowie Haupt- und Nebenkanäle. Der Abschnitt Rahmen und Kontext bei Goffman und in der Kontextualisierungsforschung schließlich enthält einige Überlegungen zu einem scheinbaren Widerspruch im Kontextbegriff der Rahmenanalyse nach Goffman und der darauf aufbauenden Kontextualisierungsforschung sowie einen möglichen Lösungsansatz. In der Sektion Kontext und Kontextualisierung in schriftlich vermittelter Kommunikation wird behandelt, wie die ursprünglich auf somatische Interaktion ausgelegten Konzepte von Kontext und Kontextualisierung auf schriftlich vermittelte Kommunikation im Allgemeinen und auf IRC im Besonderen angewandt werden können. Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Formen, die Kontextualisierung und Kontextualisierungshinweise im schriftlichen Medium annehmen können und wie sie klassifiziert werden können. Relevant für diesen Themenbereich ist auch das bisher in diesem Zusammenhang wenig beachtete Phänomen der Subvokalisation. In weiteren Abschnitten wird auf Kontext in IRC und Kontextualisierungshinweise in IRC im Allgemeinen eingegangen. EmpirieDer wichtigste Teil der vorliegenden Arbeit findet sich im Abschnitt Empirie. Die Beschreibung der Vorgehensweise, Vorstellung des Datenmaterials und einige allgemeine Erläuterungen von Eigenschaften der Chat-Kommunikation werden unter Vorbemerkungen zusammengefasst. Bezüglich der Ergebnisse war es von Anfang an ein Ziel dieser Arbeit, diese nicht nach ihrer Form zu klassifizieren, was nach einem zwangsläufig recht arbiträren System geschehen müsste, sondern nach ihrer Funktion. Wie im Abschnitt
Kontextualisierung ausgeführt, rufen
Kontextualisierungshinweise
Inferenzen auf drei unterschiedlichen
Ebenen hervor (vgl. Schmitt 1993: 336
In den meisten Fällen ist die Funktionsweise einer Form, die als Kontextualisierungshinweis dienen kann, jedoch nicht auf eine dieser Ebenen beschränkt – im Gegenteil, Kontextualisierungshinweise sind fast immer multifunktional und wirken gleichermaßen auf verschiedenen Ebenen. In einer konventionell aufgebauten Arbeit hätte dies bei einer Strukturierung nach Funktion zwangsläufig eine von zwei unerwünschten Konsequenzen mit sich gebracht: entweder hätten die Ausführungen zu ein- und derselben linguistischen Form gemäß ihrer Funktion auseinander gerissen werden müssen, oder aber sie wären, um zahllose, auf Papier nicht immer leserfreundliche, Verweise zu vermeiden, gehörig redundant ausgefallen. Aus diesen Überlegungen ergab sich nun auch die Entscheidung, die Arbeit als Hypertext zu gestalten. So ist es möglich, dass die Ausführungen zu den einzelnen linguistischen Formen der Kontextualisierungshinweise zusammen bleiben, ihre Anordnung aber gemäß ihrer Funktion erfolgen kann. Die Anordnung richtet sich dabei nach den oben genannten Ebenen der Kontextualisierung. Da die Anzahl jener Kontextualisierungshinweise, die auf der Ebene der globalen Rahmungen wirksam werden, jene der Funktionen auf den anderen beiden Ebenen bei weitem übersteigt, wurden für die Rahmenebene zwei weitere Unterteilungsstufen eingeführt. Zunächst wird nach Goffman zwischen natürlichen und sozialen Rahmen unterschieden. Die Ebene der natürlichen Rahmen betrifft hier vornehmlich so genannte presence cues, also Hinweise, die deutlich machen, ob ein Nutzer gerade an der Interaktion teilnimmt oder nicht, und so klar machen, ob mangelnde Reaktionen seinerseits in einem sozialen oder einem natürlichen Rahmen zu interpretieren sind (etwa als Anzeichen einer Kränkung oder als natürliche Folge der Tatsache, dass er gerade einer anderen Tätigkeit nachgeht und die Interaktion nicht verfolgt hat). Innerhalb der Kategorie sozialer Rahmen wurde weiters zwischen den zwei Klassen personenbezogener Rahmen und situationsbezogener Rahmen unterschieden. So soll eine möglichst leserfreundliche, gleichmäßige Verteilung des Materials innerhalb der Kategorien erreicht werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Benutzerfreundlichkeit wurde diese von Anfang an vorgesehene Klassifikation der Ergebnisse nach ihrer Funktion schließlich doch noch durch eine Klassifikation der Ergebnisse nach ihrer Form - eine alphabetische Auflistung der untersuchten Phänomene - ergänzt. Selbstverständlich erhebt die vorgestellte Auswahl an Phänomenen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Was die Form der Arbeit anbelangt, wurde versucht, die Möglichkeiten des Mediums 'Hypertext' soweit als machbar auszunützen - auch wenn einiges aufgrund von meine Möglichkeiten übersteigender Komplexität verworfen werden musste. In diesem Zusammenhang danke ich meinem Technik-Guru Hans Trimmel, der dafür gesorgt hat, dass mir meine diesbezügliche Naivität ("Ein Navigationsmenü zu schreiben kann doch nicht so schwierig sein") nicht zum Verhängnis wurde. Zu Dank verpflichtet bin ich auch vielen anderen Menschen, ohne die diese Arbeit nie begonnen oder nie fertig geworden wäre.
© Alexandra Schepelmann 2002-2003
Teil der Diplomarbeit "Kontextualisierungskonventionen im Internet Relay Chat" (Originalfassung, Stand 2003) von Alexandra Schepelmann
|